Burnout im Gesundheitswesen: Womit kann die steigende Gefahr aufgehalten werden?

clinician burnout

Burnout im Gesundheitswesen – ein weltweites Problem 

Seit Jahren steigt weltweit unentwegt der Druck auf das Gesundheitspersonal. Gründe dafür sind die Überalterung der Bevölkerung, gestiegene Dokumentationsanforderungen sowie die zusätzliche Belastung einer globalen Pandemie. 

In einer neuen Studie untersuchten HIMSS und Nuance in mehreren Ländern weltweit die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf das medizinische Personal. Dabei wurde festgestellt, dass Burnout im Gesundheitswesen ein verbreitetes Problem ist. Jedoch sind die Ursachen und das Ausmaß unterschiedlich. 

In der Online-Umfrage von Nuance und HIMSS gaben 98 % der Befragten an, dass sie sich in der Vergangenheit schon einmal während ihrer Arbeit aufgebrannt gefühlt haben. Auf die Frage nach den Auswirkungen von COVID-19 gaben 48 % der Ärzt:innen und Pflegekräfte in Deutschland an, dass die Pandemie ihre Überlastungssymptome verschlimmert habe. Im Vergleich dazu lag dieser Wert in den Nordischen Ländern bei nur 38 % und in Frankreich bei 62 %. 

Zusätzlich zur Online-Umfrage führte HIMSS Telefoninterviews mit Ärzt:innen und Pflegekräften in zehn Ländern durch. Wir wollten ihre Sichtweisen zum Thema Burnout im Gesundheitswesen besser verstehen, dessen Ursachen sowie mögliche Lösungsansätze. 

Im Folgenden haben wir die wichtigsten Erkenntnisse für Sie zusammengefasst. Um jedoch einen tiefgehenden Einblick in die Antworten der Befragten zu gewinnen, Informationen zu den Schlussfolgerungen sowie Maßnahmen von HIMSS zu erhalten, empfehlen wir, das vollständige Whitepaper zu lesen. 

Welche Faktoren führen zu Burnout im Gesundheitswesen?  

Die von HIMSS befragten Ärzt:innen und Pflegekräfte gaben eine Vielzahl von Faktoren an, die zu Stress und beruflicher Überlastung beitragen. Als Gründe nannten sie z.B. mangelnde Kontrolle ihren Arbeitstag zu gestalten oder bestimmte Vergütungsmodelle. 

Ein starkes, anhaltendes Gefühl von Stress und Überlastung führt zu Symptomen, die wir mit Burnout im Gesundheitswesen assoziieren. Dazu gehören Erschöpfung, eine zunehmende psychische Distanzierung von der eigenen Arbeit sowie verminderte Leistungsfähigkeit im Berufsleben. 

„Stress und Burnout sind im Klinik-Setting ein sehr umfangreiches Thema. Seit vielen Jahrzehnten haben Pflegekräfte eine deutlich feststellbare Überbelastung. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass Pflegende heute das, was sie können, in der Praxis im Grunde nicht anwenden: vom kommunikativen Aspekt – dem begleitenden Patientengespräch – bis zur maßgeschneiderten Versorgungssituation, damit der Patient genau das erhält, was er braucht.“ 

Prof. Christel Bienstein, Präsidentin beim Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) und Ratsmitglied im Deutschen Pflegerat, Pflegewissenschaftlerin und ausgebildete Krankenschwester, Deutschland 

Als ein zentraler Faktor kristallisierte sich in der HIMSS-Studie das Ausmaß des Arbeitsvolumens heraus. Eine Studie an Mitarbeitenden der Universität Saragossa in Spanien zeigte den Zusammenhang zwischen einer wöchentlichen Arbeitslast von über 40 Stunden und einem erhöhten Risiko für „frenetic“ Burnout auf. Im Rahmen der Online-Umfrage von Nuance und HIMSS gaben 55 % der Ärzt:innen und 43 % der Pflegekräfte an, dass ihre Arbeitszeit diese Grenze übersteigt. Das ist verheerend in einem beruflichen Umfeld, in dem Menschen unter dem Druck stehen, Menschenleben zu retten und das Wohlergehen von Patient:innen sicherzustellen. 

Die Studie legte zudem signifikante Unterschiede in Bezug auf die Arbeitszeit der Ärzt:innen zwischen den einzelnen Ländern sowie zwischen den Berufsgruppen Ärzt:innen und Pflegekräften offen. In Deutschland gaben nur 28 % der teilnehmenden Ärzt:innen an, mehr als 40 Stunden pro Woche zu arbeiten. Das war der niedrigste Anteil im Vergleich zu allen untersuchten Regionen. Jedoch überschreiten laut eigenen Aussagen 45 % der befragten Pflegekräfte die Grenze von 40 h/Woche. Die höchsten Werte für Pflegekräfte wurden in Frankreich (47 %) verzeichnet, für Ärzt:innen in Belgien und den Niederlanden (67 %).   

Zusätzlich zu den Überstunden wurde auch auf die gestiegene Belastung durch administrative Aufgaben hingewiesen. So trägt der hohe Dokumentationsaufwand maßgeblich zu Erschöpfung und Burnout bei. Das gaben 82 % aller teilnehmenden Ärzt:innen und 73 % aller befragten Pflegekräfte an. Auf diese Thematik geht ebenfalls ein kürzlich im Journal of the American Medical Informatics Association erschienener Artikel ein. Dort wird aufgezeigt, wie die Einführung der elektronischen Gesundheitsakte in den USA zu einem erhöhten Dokumentationsaufwand führte. Dieser wiederum verstärkte Überlastung und Burnout im Gesundheitswesen bei den betroffenen Ärzt:innen. 

„Die Entlastung von administrativen Aufgaben wäre wichtig.“ 

Dr. Markus Vogel, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Krankenhaus Neuwerk, Deutschland 

Welche Faktoren verhindern Burnout im Gesundheitswesen?  

HIMSS fragte auch, welche Maßnahmen Burnout in Gesundheitswesen verhindern könnten.  

In der vollständigen Studie werden zehn Faktoren aufgezeigt, die das Burnout-Risiko senken. Im Folgenden finden Sie drei Beispiele, die von den befragten Teilnehmer:innen genannt wurden: 

  • Kollaborativer Führungsstil: „Es braucht ein Management-Team, das uns zuhört, Informationen weitergibt, Anerkennung schenkt und Schulungen anbietet. Außerdem sind die richtige Ausstattung und eine gute Arbeitsorganisation entscheidend“, meint Nicole Mercier aus Frankreich. 
  • Verbindliche Dienstpläne: „Für Pflegekräfte zählt vor allem Verlässlichkeit im Dienstplan – nicht immer nachts einspringen zu müssen, weil jemand krank geworden ist. Das erzeugt enorm viel Stress“, so Prof. Christel Bienstein aus Deutschland. 
  • Effiziente Administration: „Investitionen in digitale Tools und Prozesse sind wichtig, um die Bürokratie zu straffen, z. B. durch weniger Dokumentationsaufwand“, gibt Dr. Clair Sullivan aus Australien an.  

HIMSS untersuchte auch, wie Informations- und Kommunikationstechnologie im Gesundheitswesen wahrgenommen wird. In der Studie werden Ärzt:innen und Pflegekräften zitiert, laut denen Technologie bei „Stressabbau“ und der „Aufgabenbewältigung“ hilft. 

Es muss also die richtige Technologie zur richtigen Zeit und mit der richtigen Schulung eingeführt werden. Die HIMSS-Studie stellt zusammenfassend fest: „Technologie muss ein bestimmtes Problem lösen und einen unmittelbaren Mehrwert bieten. Schlussendlich muss geprüft werden, ob sie die Arbeitsbedingungen verbessert.“  

Wenn eine neue Technologie den Praxistest besteht, sind die Vorteile für die Anwender:innen sowie die Patient:innen spürbar. Ein Befragter berichtete: „Technologie unterstützt Behandler:innen dabei, ihren Stresspegel zu senken und für ihre Patient:innen da zu sein. Das stärkt in Folge die therapeutische Beziehung.“ 

„Um die Tätigkeit in der Versorgung wieder inhaltlich attraktiver zu machen, erscheint mir die Digitalisierung heute als nahezu einzige Option, die kommenden Aufgaben bewältigen zu können.“ 

Prof. Dr. Matthias Rose, Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Psychosomatik an der Charité Universitätsmedizin, Deutschland 

„Spracherkennung und KI helfen uns im ärztlichen Alltag absolut.” 

Dr. med. Markus Vogel, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Krankenhaus Neuwerk, Deutschland

Maßnahmen zur Stressbewältigung im Gesundheitswesen 

Als Schlussfolgerung der HIMSS-Studie werden klare Maßnahmen für Gesundheitsversorger und Politik genannt. Laden Sie das Whitepaper herunter und erfahren Sie mehr über die beschriebenen Empfehlungen. Darin finden Sie außerdem: 

  • Eine vollständige Liste aller Faktoren, die laut weltweit tätigen Ärzt:innen und Pflegekräfte Burnout verursachen bzw. verhindern 
  • Forschungserkenntnisse zu den Auswirkungen von COVID-19, einschließlich Daten zum Einsatz von Telemedizin; 
  • Einblicke in neue Technologien, die versprechen die Arbeitslast im Gesundheitswesen zu verringern 

Methodik der Studie: Nuance Communications beauftragte HIMSS, im Zeitraum von 19. November 2020 bis 26. Februar 2021 Ärzt:innen und Pflegekräfte in zehn Ländern zu befragen. Die Zahl der Teilnehmenden lag bei 443. 416 Ärzt:innen und Pflegekräfte aus Australien, Belgien, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Norwegen, Schweden und den Niederlanden beantworteten eine Online-Umfrage. Mit 27 Ärzt:innen und Pflegekräften aus diesen Ländern sowie aus Finnland und Großbritannien wurde ein qualitatives Telefoninterview durchgeführt. (Eine detaillierte Beschreibung der Methodik finden Sie in „Aktuelle Burnout Gefahr im Gesundheitswesen. Das berichten die Betroffenen“. 

„Ihre Arbeitsweise neugestalten“

Erfahren Sie in der neuen HIMSS-Studie mehr über Burnout im Gesundheitswesen. Jetzt herunterladen: „Aktuelle Burnout Gefahr im Gesundheitswesen. Betroffene berichten“

Download
Dr Simon Wallace

Über Dr Simon Wallace

Dr Simon Wallace is the Chief Clinical Information Officer (CCIO) of Nuance’s Healthcare division in the UK and Ireland. Simon has worked as a GP, hospital and public health doctor in Brighton and London. His interest in health informatics began in the 90s when he spent a year at the King's Fund investigating the impact of the internet on shared decision making between patients and their healthcare professional. For the past 15 years, he has worked for a range of organisations including Bupa, Dr Foster, Cerner Corporation and GSK across a range of technologies which include electronic patient records, telemedicine, mobile health and lifestyle devices. Simon has a keen interest in the voluntary sector, recently completing a 7 year term as a Trustee for Fitzrovia Youth in Action, a children and young people’s charity based in London.