Handelsblatt Health Expertentalk: Digitalisierung der Krankenhäuser in Deutschland

Handelsblatt Health Experten Talk mit Nuance

Wird das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) seinem Anspruch gerecht werden können, den Digitalisierungsgrad der deutschen Krankenhäuser auf einen zeitgemäßen Stand zu heben? In einer vom Handelsblatt Health organisierten Expertenrunde moderierte Moritz Schönleber, Senior Manager Event Production, Handelsblatt GmbH, die Diskussion zu verschiedenen Aspekten des KHZGs. Mit dem Titel „Verliert das Gesundheitswesen im Digitalisierungswahn den Fokus?“ Obgleich die geladenen drei Experten die digitale Transformation aus unterschiedlichen Blickwinkeln beurteilen, sind sich Dr. Gregor Hilger, Leitender Chefarzt Kreiskrankenhaus Stollberg gGmbH, Martin Peuker, CIO, Leitung Geschäftsbereich IT, Charité – Universitätsmedizin Berlin und Martin Eberhart, General Manager Healthcare DACH & EE, Nuance Communications einig. Die Digitalisierung von Arbeitsprozessen ist eine rationale Antwort auf das drängende Erfordernis, eine verbesserte Patient:innenversorgung mit einem effizienteren Ressourceneinsatz zu bewirken.

Wie beurteilen Sie die grundsätzliche Intention des Krankenhauszukunftsgesetzes?

Die durch das KHZG geförderte Digitalisierung der Krankenhäuser wird prinzipiell von allen Teilnehmern des Handelsblatt Health Talks als eine positive Maßnahme begrüßt. „Es braucht gesetzliche Vorgaben, denn ohne einen gewissen Druck wird sich nichts ausreichend in Krankenhäusern bewegen“, findet Dr. Hilger. Aus Sicht Peukers ist die im KHZG vorgesehene Investitionsförderung „dringend notwendig“. Auch Eberhart bewertet es als den „richtigen Impuls“.

Allerdings weisen die Experten auch auf einige umstrittene Regelungen im KHZG hin. Beispielsweise den engen zeitlichen Rahmen, innerhalb dessen die Förderanträge bei dem Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) bis zum 31. Dezember 2021 eingereicht werden müssen. Dabei wird es für Krankenhäuser, die noch am Anfang ihrer digitalen Transformation stehen, noch schwerer sein, mit dem Zeitkorridor auszukommen als für solche, die schon weiter auf diesem Weg fortgeschritten sind. In diesem Zusammenhang weist Peuker auf die Vorteile nationaler Umsetzungsleitfäden hin, damit nicht jede Gesundheitseinrichtung das Rad neu erfinden muss. „Es sind z. B. Investitionsmittel für Informationssicherheit vorgesehen, wenn aber jeder ohnehin das Gleiche macht, wäre es gut, über eine nationale Roadmap, wie man Datenzentren einheitlich gestalten könnte, zu verfügen“, schlägt er vor.

Wie beurteilen Sie die im Krankenhauszukunftsgesetz beschlossene Finanzierung der Digitalisierungsmaßnahmen?

Besonders kritisch wird der im KHZG auf einen drei-jährigen Zeitraum beschränkte Finanzierungshorizont beurteilt. Dieser lässt, so finden die drei Experten im Handelsblatt Health Talk, außer Acht, wie die erforderlichen Mittel für die Anschlussfinanzierung nach Ablauf der Förderfrist aufgebracht werden sollen. Ohne eine solche müssten die Aufwendungen aus dem laufenden Budget der einzelnen Krankenhäuser bestritten werden. Eine Krux angesichts der ohnehin schon schmalen IT-Budgets. „Die Folgekosten müssen angesprochen werden und die Politik muss es nachfinanzieren“, fordert Dr. Hilger und fährt fort. „Ungefähr 20 Prozent der Anschaffungskosten sind dann jährlich nach drei Jahren zu leisten. Diese werden dann aber nicht über die Investitionsfinanzierung der Länder getragen, sondern aus dem laufenden Budget. Das ist schwer.“ Daher appelliert Eberhart an die Politik, die Finanzierung nachhaltiger zu gestalten. „Spahn hat mit dem KHZG einen guten Vorschlag vorgelegt und die Finanzierung den Ländern verordnet. Der Bund verweist gerne auf die Länder und umgekehrt, das muss geregelt werden.“

Die Charité versucht diesen Engpass aus eigener Tasche zu beheben. Da sie erkannt hat, dass ein Krankenhaus dauerhaft in Digitalisierung investieren muss, hat der Vorstand der Charité das IT-Budget langfristig von bislang unter 2 Prozent des Gesamtbudgets auf 4 Prozent aufgestockt. „Damit bringen wir unseren digitalen Reifegrad voran. Das ist ein richtiger und sinnvoller Schritt“, lobt Peuker. Viele, insbesondere kleinere Einrichtungen werden diesem Beispiel aufgrund beschränkter Budgets nicht folgen können.

Ist die Messung des digitalen Reifegrades eines Krankenhauses ein Damoklesschwert?

Das KHZG verpflichtet die im Rahmen des KHZGs geförderten Krankenhäuser, ihren digitalen Reifegrad sowohl vor Erhalt und als auch nach Umsetzung der Fördermaßnahmen zu messen. Dadurch soll ermittelt werden, inwieweit sich der digitale Reifegrad eines Klinikums zwischen Juni 2021 und Juni 2023 durch die Umsetzung der Fördertatbestände verändert hat. Die Expertenrunde begrüßt dies als einen sinnvollen Ansatz. So ist die Effektivität der Fördermaßnahme überprüfbar. Diese Vorgehensweise hat sich bereits in vielen Ländern bewährt. „Es wird allen helfen“, glaubt Peuker. „In Ländern, die weiter in puncto Digitalisierung sind als wir, ist es ein normales Mittel, um nachzuvollziehen, ob Häuser in der binnen und intersektoralen Digitalisierung vorankommen“, pflichtet Eberhart bei.

Wie gelingt es, ein IT-Projekt erfolgreich umzusetzen?

Damit die durch das KHZG angestoßenen Digitalisierungsprojekte auch die erhoffte Wirkung entfalten, bedarf es mehr als nur eines Geldsegens von außen, sondern u. a. auch der krankenhausinternen Zusammenarbeit. Diese wird umso wahrscheinlicher, je mehr die am Vorhaben Beteiligten das Projekt auch wollen und von dessen Nutzen überzeugt sind. „Digitalisierungsvorhaben scheitern, wenn es keine Agilität und interdisziplinäre Zusammenarbeit vor und während des Projekts gibt“, weiß Peuker aus eigener Erfahrung. „Ein vielschichtiges Projektmanagement ist absolut notwendig. Aber man tut sich damit in Deutschland noch schwer“, fügt er an. Dr. Hilger bestätigt dies: „Ein Krankenhaus tickt anders als die IT-Abteilung und es ist notwendig, dies zu berücksichtigen.“ Er betont die Unterschiede innerhalb der einzelnen Fachrichtungen, die zu individuellen Anpassungswünschen führen und folgert. „Interdisziplinarität zwischen der IT-Abteilung und den Fachrichtungen ist tendenziell einfacher in kleineren Häusern als in einer Uniklinik.“

Ob ein Projekt dann auch im Krankenhausalltag angenommen wird, hängt im Wesentlichen von der Usability, der Benutzerfreundlichkeit und der sogenannten User Experience (UX) ab. „UX und Usability sind extrem wichtig“, betont Peuker während des Handelsblatt Health Expertentalks.

Wie weit kann IT helfen, den Fachkräftemangel aufzufangen?

Auch hier spielen Benutzerfreundlichkeit und UX eine zentrale Rolle. „Mitarbeiter müssen schnell mit der IT umgehen können und dafür sollte schon während des Medizinstudiums und der Pflegeausbildung die IT-Basis gelegt werden“, findet Dr. Hilger. Die Charité hat diese Notwendigkeit erkannt und Mitarbeiter:innen der IT-Abteilung wirken bereits bei Lehrveranstaltungen in der Berliner Hochschullandschaft mit, berichtet Peuker.

Darüber hinaus gilt der Einsatz von IT als Merkmal eines modernen Arbeitgebers und hilft bei der Mitarbeiterrekrutierung, was angesichts des steigenden Facharbeitermangels ein wichtiger Aspekt ist. Abschließende berichtet Eberhart im Handelsblatt Health Talk über positive Digitalisierungsbeispiele. So weiß er aus Kundengesprächen, dass gerade die Digitalisierung der Dokumentation mithilfe von Spracherkennung als wichtiger Bestandteil eines modernen Arbeitsplatzes angesehen wird, da dieser Ärzt:innen und Pflegekräfte signifikant entlastet.

Handelsblatt Health Talk sehen

Sehen Sie die Aufzeichnung der spannenden Gesprächsrunde zum Thema: Wie können deutsche Krankenhäuser den digitalen Sprung schaffen? Verliert das Gesundheitswesen im Digitalisierungswahn den Fokus?

Mehr Informationen