Untersuchung bestätigt: Die Pflege ist massiv überlastet

clinician burnout

Krankenpfleger:innen wissen besser als alle anderen über die Bedeutung ihrer Arbeit Bescheid. Wenn sich die Fachkräfte dann dazu entschließen, in den Streik zu treten, wie es einige Intensivpflegekräfte in Frankreich in den letzten Monaten getan haben, ist es kaum zu unterschätzen, wie viel Frust sich bei ihnen aufgestaut hat. Und diese Intensivpflegekräfte (von denen eine die Botschaft „On strike – Burnout“ auf ihrer Uniform geschrieben hatte) sind bei weitem nicht allein. Die Pflege ist europaweit überlastet.

In den letzten Wochen haben sich auch Pfleger:innen in Deutschland, Polen und anderen Teilen der Welt an entsprechenden Protesten und Streiks beteiligt und in Großbritannien berichtete der Guardian, dass bis zu 25.000 Pflegekräfte des National Health Service (NHS) zu Aktivist:innen ausgebildet werden sollen. Der Hintergrund: sie sollen Streiks unterstützen, sollte sich die Regierung weiterhin den Forderungen nach einer besseren Bezahlung widersetzen.

Solche verzweifelten Maßnahmen entstehen meistens durch aussichtslose Situationen. Bereits im Januar stellte der International Council of Nurses (ICN) fest, dass weltweit sechs Millionen Pflegekräfte fehlten und die physische und emotionale Belastung der bereits überbeanspruchten Arbeitskräfte sich durch COVID-19 noch weiter erhöht hat. So zeigen Daten des ICN, dass seit der ersten Welle der Pandemie der Anteil der Pfleger:innen, die von psychischen Problemen berichten, in vielen Ländern von 60 Prozent auf 80 Prozent angestiegen ist.

Die enorme Belastung, die diese Fachkräfte zu schultern haben – und die Auswirkungen davon auf ihr Wohlbefinden – wird auch durch eine kürzlich von Healthcare Information and Management Systems Society (HIMSS) im Auftrag von Nuance durchgeführte Studie belegt.

Die Prävalenz hoher Arbeitsbelastung in der Pflege

Pfleger:innen aus verschiedenen europäischen Ländern sowie aus Australien nahmen an der Online-Befragung teil und die Ergebnisse zeigen: Es ist für Pflegekräfte weltweit üblich, viel zu arbeiten. HIMSS stellt zum Beispiel fest, dass es in einigen Ländern einen hohen Anteil an Krankenpfleger:innen gibt, die mehr als 40 Stunden pro Woche arbeiten: In Australien waren es 20 Prozent , in Deutschland 45 Prozent und in Frankreich sogar 47 Prozent.

Allerdings haben wissenschaftliche Untersuchungen, wie der HIMSS-Report festhält, eine wöchentliche Arbeitsbelastung von mehr als 40 Stunden mit einem größeren Risiko eines sogenannten „frenetischen“ Burnouts in Verbindung gebracht. Durch eine unverhältnismäßige Arbeitsbelastung sind nicht nur die Pflegekräfte gefährdet, sondern auch ihre Patient:innen.

In Queensland, Australien haben Forscher vor Kurzem die Behandlungsergebnisse von Krankenhäusern verglichen, die eine Mindestquote für das Verhältnis von Pfleger:innen zu Patient:innen haben und von solchen, die über keine derartige Regelung verfügen. Sie fanden „substanzielle Beweise dafür, dass die Behandlungsergebnisse in Krankenhäusern mit besserer Personalbesetzung positiver sind.“

Der Weg von Überbelastung zu Burnout ist kurz

Der HIMSS-Report erörtert auch, welchen Schaden ein Zustand dauerhafter Überbelastung bei Fachkräfte im Gesundheitswesen anrichten kann.

Wird Überbelastung als ein unverhältnismäßiges hohes Pensum an klinischer Arbeit definiert, das in einem bestimmten Zeitraum geleistet wird, führt diese anhaltende Drucksituation zu der Entwicklung von Burnout-Symptomen. Dabei werden sowohl die physischen als auch psychischen Kräfte herausgefordert und die angeborene Widerstandskraft strapaziert. Einfach ausgedrückt: Die Mitarbeiter:innen sind nicht mehr in der Lage, die Belastung zu bewältigen.

Angesichts der allgemeinen Ergebnisse der Studie überrascht es wenig, dass 99 Prozent der Pflegekräfte, die an der Online-Befragung von HIMSS teilgenommen haben, bestätigten, sich in ihrem Berufsleben in der Pflege nicht nur überlastet, sondern auch ausgebrannt gefühlt zu haben. Mehr als die Hälfte der Befragten (52 Prozent) gaben sogar an, dass sie sich „oft“ ausgebrannt fühlten.

Faktoren, die Pflegekräfte über ihre Belastungsgrenze hinaustreiben

HIMSS führte zusätzlich auch qualitative Untersuchungen durch und befragte Pfleger:innen aus zehn Ländern, um besser zu verstehen, welche konkreten Faktoren sie über ihre Grenzen hinaustreiben. Das Pflegepersonal hob eine Reihe von Problemen hervor, von der Unvorhersehbarkeit ihrer Arbeitstage bis hin zu gestiegenen Erwartungen von Patient:innen und erhöhten Anforderungen bei Verwaltungsaufgaben. Die Ergebnisse der Online-Umfrage von HIMSS bekräftigen Letzteres: 73 Prozent gaben an, dass in ihren Augen die administrative Belastung durch die klinische Dokumentation erheblich zur Überbelastung des medizinischen Personals beiträgt.

„Stress und Burnout sind im Klinik-Setting ein sehr umfangreiches Thema,“ weiß Prof. Christel Bienstein, Präsidentin beim Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK). „Seit vielen Jahrzehnten haben Pflegekräfte eine deutlich feststellbare Überbelastung. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass Pflegende heute das, was sie können, in der Praxis im Grunde nicht anwenden: vom kommunikativen Aspekt, dem begleitenden Patientengespräch, bis zur maßgeschneiderten Versorgungssituation, damit der Patient genau das erhält, was er braucht.“

Klinische Dokumentation: Technologie kann unterstützen

Viele Ursachen für die Überlastung des Pflegepersonals können von den einzelnen Gesundheitsdienstleister:innen nur schwer oder gar nicht selbst behoben werden. Aber jüngste technologische Fortschritte haben neue Möglichkeiten geschaffen, speziell die Belastung durch administrative Prozesse zu verringern.

KI-gestützte Spracherkennung, insbesondere Cloud-basierte, hat das Potenzial, den Zeit- und Arbeitsaufwand bei der klinischen Dokumentation zu reduzieren und damit auch die Belastung und den Stress für Pflegekräfte zu senken.

Sie ermöglicht den medizinischen Fachkräften, genaue Dokumente zu erstellen – von dem Moment der Aufnahme einer Patientin oder eines Patienten über Protokolle bei der Visite bis hin zum abschließenden Arztbrief – einfach durch Sprechen. Da Menschen viel schneller sprechen als tippen, kann dies auch den Prozess der medizinischen Dokumentation unmittelbar optimieren und beschleunigen.

Die Auswirkungen von Spracherkennung können tiefgreifend sein: Eine unabhängige Studie, in der diese Technologie in einer Notaufnahme eingeführt wurde, zeigt, dass Sprechen 40 Prozent schneller funktioniert als Tippen – die durchschnittliche Zeitersparnis pro Patient:in wurde auf etwa 3,5 Minuten geschätzt. Amortisiert über einen Zeitraum von einem Jahr, über alle medizinischen Fachkräfte und alle Fallkombinationen hinweg, belief sie sich in dem Krankenhaus auf 389 Tage klinischer Zeit.

Mehr nachfragen und zuhören

Wenn Pfleger:innen weltweit ihre Stimme aus Protest erheben, wird Arbeitgeber:innen im Gesundheitswesen und nationalen Entscheidungsträger:innen möglicherweise keine andere Wahl mehr bleiben, als ihnen zuzuhören. Aber die Klügsten unter ihnen werden noch einen Schritt weitergehen und aktiv die Unterstützung der Pflegekräfte suchen, um die Ursachen der Überlastung zu identifizieren und zu beseitigen. Und dort, wo technologische Lösungen eingesetzt werden können, werden sie das Pflegepersonal in die Bewertung und Umsetzung einbeziehen. So können sie sicherstellen, dass die Innovationen genau auf die Bedürfnisse der Pflegekräfte abgestimmt sind und den größtmöglichen Nutzen bringen.

Helen Balsdon, Chief Nursing Information Officer des Cambridge University Hospitals NHS Foundation Trust, sagte gegenüber HIMSS: “Technologie hat großes Potenzial, aber man muss das menschliche Element richtig einsetzen. […] Ich denke, es geht um die richtige Technologie zur richtigen Zeit, damit wir die richtigen Werkzeuge für unseren Job haben.“

Methodik der Studie: Nuance Communications beauftragte HIMSS, im Zeitraum von 19. November 2020 bis 26. Februar 2021 Ärzt:innen und Pflegekräfte in zehn Ländern zu befragen. Die Zahl der Teilnehmenden an der Studie lag insgesamt bei 443. Davon haben 416 Ärzt:innen und Pflegekräften aus Australien, Belgien, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Norwegen, Schweden und den Niederlanden die Online Umfrage beantwortet. Mit 27 Ärzt:innen und Pflegekräften aus diesen Ländern sowie aus Finnland und Großbritannien wurde ein qualitatives Telefoninterview durchgeführt. Eine detaillierte Beschreibung der Methodik finden Sie in „Aktuelle Burnout Gefahr im Gesundheitswesen. Das berichten die Betroffenen“.

HIMSS Studienergebnisse anfordern

Erfahren Sie in der HIMSS-Studie „Aktuelle Burnout Gefahr im Gesundheitswesen. Betroffene berichten“ mehr über die Überlastung bei Pflegekräften, die Auslöser und welche Faktoren zur Minderung beitragen können.

Download
Dr Simon Wallace

Über Dr Simon Wallace

Dr Simon Wallace is the Chief Clinical Information Officer (CCIO) of Nuance’s Healthcare division in the UK and Ireland. Simon has worked as a GP, hospital and public health doctor in Brighton and London. His interest in health informatics began in the 90s when he spent a year at the King's Fund investigating the impact of the internet on shared decision making between patients and their healthcare professional. For the past 15 years, he has worked for a range of organisations including Bupa, Dr Foster, Cerner Corporation and GSK across a range of technologies which include electronic patient records, telemedicine, mobile health and lifestyle devices. Simon has a keen interest in the voluntary sector, recently completing a 7 year term as a Trustee for Fitzrovia Youth in Action, a children and young people’s charity based in London.